Du bist nicht frei! Glaub mir. Ok, ich gebe dir eine Chance. Lass alles stehen und liegen. Sofort. Und mach das, was du schon immer machen wolltest. Endlich diesen einen Film schauen, dieses Buch lesen. Eine neue Sprache sprechen. Endlich surfen lernen. Dir das Tattoo stechen lassen. Und die Reise machen, die du schon ewig aufschiebst. Klingt gut, oder? Auf einmal merkst du, was dir alles fehlt. Kennst du dieses Gefühl, wenn du aufspringen und was ändern willst? Wenn du so unruhig bist, dass du schreien könntest. Wenn sich die Ideen in deinem Kopf überschlagen. Die Hoffnung: Du könntest noch einmal von vorne anfangen. Aber dann wieder die Angst: Das lässt sich nie alles nachholen. Keine Zeit. Kein Geld. Kein Mut. Aber warum holen wir uns unsere Freiheit nicht einfach zurück?

Vielleicht hast du dich schon über das Bild zu diesem Blogpost gewundert. Da steht jemand vor einem Bild und fotografiert sich selbst. Es ist ein Selbsportrait von mir und es ist spontan entstanden. Aber eigentlich ist der Weg dahin ganz logisch (Auflösung gibt es weiter unten). Denn ich habe mich genauso gefühlt, wie oben beschrieben. Und zwar nach einem Interview mit Oliver Noelting (siehe Video unten). Er nennt sich auch Frugalist und hat ein ambitioniertes Ziel: Er ist 29 Jahre alt und möchte bereits mit 40 die finanzielle Freiheit erreichen. Oder anders ausgedrückt: Er will in 11 Jahren von seinen Ersparnissen leben und nicht mehr arbeiten. Nur noch das machen, worauf er Lust hat. Also Rente on Demand.

Klingt erst mal absurd. Aber Oliver hat einen Plan. Wer mehr darüber erfahren will, schaut einfach das YouTube-Video der Mission Money. Aber hier die Kurzfassung: Oliver lebt sehr sparsam und legt bis zu 70 Prozent seines Netto-Einkommens von 2.300 Euro zur Seite. Das Geld investiert er wiederum in ETFs. Später will er dann von den Kursgewinnen leben, indem er die ETFs stufenweise verkauft.

Vor dem Interview war ich durchaus skeptisch, aber bei der Vorrecherche lese ich Olivers Blog und finde das Konzept mit jedem Artikel spannender. Das Klischee vom Sparfuchs lege ich schon mal beiseite und lasse mich dann auch live schnell von ihm überzeugen. Oliver wirkt sympathisch – und vor allem zufrieden. Nicht wie ein Pfennigfuchser, der den Spaß am Leben verloren hat. Obwohl er penibel ein Haushaltsbuch führt und immer aufs Geld achtet, scheint er glücklich zu sein. Wobei er auch zugibt, dass dieser Lifestyle zu ihm passen würde. Aber eben nicht zu jedem.

Nach dem Interview bin ich neidisch auf Oliver. Wie kann jemand so bescheiden sein und doch so ausgeglichen wirken?

Scheiß auf den Porsche.

Scheiß auf die Rolex.

Scheiß auf den Champagner.

Bin ich vielleicht zu oberflächlich? Aber als ich genauer drüber nachdenke, erkenne ich auch einige Parallelen zwischen uns: Ich versuche auch jeden Monat möglichst viel zu sparen und es fließt stets ein fixer Betrag per Sparplan in Aktien und ETFs. Ich führe zwar nicht Buch über meine Ausgaben, aber ich weiß immer meinen Kontostand auf den Cent genau und habe jede Abbuchung im Blick. Leute, die ihren Kontostand oder ihre Fixkosten nicht kennen, finde ich komisch.

Also bin ich am Ende auch ein kleiner Frugalist? Nein! Denn es gibt ein großes Problem: Ich liebe Luxus und gebe gerne Geld dafür aus. Gutes Essen, guter Wein, gute Hotels, neue Klamotten, Sneaker in sämtlichen Farben. Und ja, mich reizen auch Rolex und Co. Aber eine Frage treibt mich um: Was macht mich eigentlich reicher, was nichts mit Geld zu tun hat?

„Wir sind die Zweitgeborenen dieser Geschichte, Leute. Männer ohne Zweck, ohne Ziel. Wir haben keinen großen Krieg, keine große Depression. Unser großer Krieg ist ein spiritueller, unsere große Depression ist unser Leben.“Tyler Durden – Fight Club

Mir geht es gut, ich kann mich über nichts beschweren. Aber trotzdem kann das Leben eine Depression werden, wenn man nicht an seine Grenzen geht. Ich glaube fest an die Freiheit. Und daran, dass wir uns entfalten müssen, wenn wir priveligiert sind und die Chance dazu haben. Also überlege ich mir, wie ich mehr für mich selbst tun kann. Frei nach dem Liberalismus: Den Blick nach innen wenden. Was andere von mir erwarten, interessiert mich in diesem Moment nicht.

Für den einen mag es Egoismus sein, für einen überzeugten Sozialisten ein bourgeoises Laster. Aber ich glaube nicht, dass meine Wünsche und Hobbys von meiner Klasse abhängen. Mit Kommunismus hab ich einfach nichts am Hut. Ich glaube an die Einzigartigkeit – und deswegen kann nur ich wissen, was gut für mich ist. Und davon will ich mehr – immer mehr. Vielleicht kann man es in eine Gleichung packen: Sensibilität + Erfahrung + Wissen = Reichtum? Man muss sich erst mal mit sich selbst auseinandersetzen und dann überlegen, was man kann, was man weiß und was einen in der Vergangenheit glücklich oder unglücklich gemacht hat. Ich habe 5 Reichmacher für mich identifiziert …

Ein Künstler sein

Jetzt verrate ich dir endlich, wie das Bild oben entstanden ist. In letzter Zeit habe ich mich schon öfter darüber geärgert, dass ich zu wenig fotografiere. Ich liebe es, aber es kam zu kurz und ich habe es immer wieder aufgeschoben. So richtig Zeit genommen habe ich mir nur im Urlaub – beispielsweise zuletzt bei einem Kurztrip nach Krakau. Und genau da habe ich dann gespürt, wie sehr es mir gefehlt hatte. Nach dem Interview mit dem Frugalisten wollte ich sofort ran an die Kamera, an einem Mittwochmorgen raus zum Fotografieren. Aber es war wenig Zeit. Dann hab ich einfach daheim in meiner Wohnung experimentiert und dabei ist das Foto entstanden. Es ist kein Weltwunder, aber ich mag es. Vielleicht auch wegen seines symbolischen Werts: Ich kann immer und überall ein Künstler sein. Auch wenn ich diesen Blog hier schreibe 😉

Wann warst du zuletzt ein Künstler? Egal, was du machst – und auf welchem Niveau. Fotografiere! Schreib! Zeichne! Sing! Was weiß ich … Hauptsache, du fühlst dich wie ein Künstler.

Ganz von vorne anfangen

Einfache Ansage: Fordere dich heraus und lerne was Unbekanntes kennen. Was uns glücklich macht, sagt uns die Erfahrung. Aber ich finde, es braucht immer wieder mal neue Impulse. Das Fremde. Und das kann alles sein. Mir reicht oft schon ein spontaner Urlaub, um das Gefühl zu haben, für ein paar Tage ganz von vorne anzufangen. Nach dem Interview hab ich dann erst mal gebrütet, wo ich hinfliegen könnte. In diesem Moment, in dem ich schreibe, steht es noch nicht fest. Aber es sollte sich zwischen Stockholm und Kopenhagen entscheiden …

Vielleicht helfen dir auch diese alten Weisheiten: Wie würde dein perfekter Tag aussehen? Oder was wolltest du schon immer mal ausprobieren? Wen hast du zuletzt beneidet, weil er etwas kann, das du nicht kannst? Du kannst dich auch fragen, was du tun würdest, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Meistens freuen einen wirklich jene Dinge am meisten, die nichts oder wenig kosten.

Es gibt auch noch eine schöne Methode: Setz dich regelmäßig hin – vielleicht sogar jeden Tag – und schreib 5 Ideen auf. Je absurder – desto besser. Welches Unternehmen könntest du gründen? Welchen Blog schreiben? Wem wolltest du schon immer mal einen Brief schreiben? Oder was würdest du als Bundeskanzler ändern?

Brücken abreißen

Diesen Punkt kann man knapp halten: Entscheide dich! Wenn dich Sachen nicht glücklich machen, dann hör auf damit. Wenn du etwas machen willst, dann mach es! Ich hab mich in diesem Jahr länger mit einer Frau aufgehalten, bei der ich wusste, dass es langfristig eh keinen Sinn hat. Eine Mischung aus bequem und vielleicht auch feige. Man redet sich dann ein, dass man auf jemand anderen Rücksicht nehmen würde. Aber das ist Bullshit. Da hilft nur mehr Liberalismus. Es zählt nicht, was die anderen von einem erwarten könnten. Man weiß es eh nicht. Und wenn man auf etwas nicht 100 Prozent Lust hat, dann lässt man es lieber. Als ich die Brücke dann hinter mir niedergerissen hatte, fühlte ich mich gleich besser und freier.

Alles im Griff haben

Das Wort Disziplin klingt erst mal negativ. Aber mich macht es glücklich, wenn ich das Gefühl von Kontrolle habe. Nur dann kann man auch mal bewusst und dosiert die Kontrolle verlieren. Das führt jetzt hier zu weit, aber lies doch gerne diesen Artikel (Warum ich niemals denselben Tag zweimal erleben will). Bleiben wir bei der Disziplin. Die teile ich durchaus mit dem Frugalisten. Bevor ich mir etwas kaufe, überlege ich es mir meistens dreimal. So war ich schon als Kind. Und manche Sachen kaufe ich mir dann eben gar nicht. Impulskäufe haben mich noch nie glücklich gemacht. Außer es handelt sich um belanglose Summen, dann sollte man schnell entscheiden und es nicht aufschieben. Sonst macht man sich verrückt, wenn man jede Ausgabe durchdenkt und man verschenkt zu viel Willenskraft, die man wirklich für wichtige Dinge braucht.

Auch diesen Blogpost habe ich am Stück in 2 Stunden runtergeschrieben. An einem Freitagnachmittag hatte ich nicht viel Lust dazu und war unter Zeitdruck. Aber es gibt nichts Besseres, als Sachen durchzuziehen. Das steigert auch den Respekt, den man vor sich selbst hat. Bei mir ist grade Sport ein wichtiger Faktor. Sich morgens aus dem Bett zu quälen und laufen zu gehen – das Gefühl danach ist unbezahlbar.

Klug investieren

Investieren will ich vor allem in Aktien und ETFs. Da bin ich mit dem Frugalisten voll auf einer Linie. Ich versuche auch meine Sparquote zu erhöhen und mein Depot aufzupumpen. Gerade nach dem Interview bin ich mal wieder richtig gierig geworden. Aktien können auch zur Sucht werden – aber ich sehe nichts Negatives darin. Investieren ist immer besser als konsumieren.

Und dann kommt der letzte Gedanke: Konsum muss eben doch sein. Aber klug! Hier stimme ich dem Frugalisten nicht ganz zu. Ich kaufe mir auch gerne mal etwas Teures. Ob eine Flasche Dom Perignon, ein Steak für 30 Euro oder ein Designer-Tisch. Nur wenn ich auch genießen kann, fühle ich mich frei …

Buchtipps und Links

The War of Art – Steven Pressfield

Choose Yourself – James Altucher

Blog von Oliver Noelting: frugalisten.de

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