Soll ich dir das ultimative Geheimnis verraten? Routine ist alles! Gestatten, Hans Hustle. Er hat DAS Killer-System für Erfolg entwickelt. Hans steht jeden Tag um 5 Uhr auf. Dann beginnt die Show: 30 Minuten Yoga, 30 Minuten Laufen, 30 Minuten Meditieren, 30 Minuten Sauna, 30 Minuten Speed Reading, 30 Minuten das Depot analysieren und dann gibt’s noch einen Chia-Matcha-Maca-Acai-Shake!

Für mich ist das ein klarer FAIL! Vielleicht nennen wir es lieber Märchen. Das Märchen vom Routine-Monster. Ich glaube, wir sollten die Welt anders betrachten …

Schauen wir uns den guten Hans doch mal an. Für wie wahrscheinlich hältst du es, dass ein Mensch ein solches Programm auf Dauer durchhält? Ich gebe dem Killer-Programm vielleicht zwei Wochen. Wenn Hans richtig beißt, dann zieht er es vielleicht sechs Wochen durch. Aber was bringt das? Für mich passt ein solches Korsett nicht zu einem erfüllten Leben. Und in unsere Zeit schon dreimal nicht!

Ich will nichts schlecht reden und schätze alles, was dazu dient, sich zu verbessern. Grundsätzlich finde ich auch Routinen spannend wie: Du machst morgens nach dem Aufstehen sofort 50 Liegestütz. Oder du nimmst dein Smartphone in der ersten Stunde nach dem Aufwachen nicht in die Hand. Schreib dir deine Ziele auf! Tatsächlich bin ich ein Fan von To-Do-Listen – sonst hätte ich ein Riesenproblem. Aber stell dir mal bitte folgende Situation vor: Du führst deine Freundin aus ins beste Restaurant der Stadt. Ihr bestellt Steak. Trinkt Champagner. Steigt danach ins Taxi und fahrt zu dir. Du hast Bock, sie hat Bock. Du sperrst die Wohnungstür auf und schiebst deine Hand unter ihr Kleid. Ihre Haare riechen nach Rosen, aber aus ihrem Mund kommt: „Sorry Schatz, aber ich muss jetzt erst mein Dankbarkeits-Tagebuch schreiben.“

„Life is either a daring adventure. Or nothing at all.“

Helen Keller

Wenn ich mich auf Instagram und Co. so umschaue, dann wird mir teilweise anders. So viele werfen mit Buzz-Words wie Fokus und Routine um sich. Demnach wäre mein Tag ein einziger Terminplan. Aber was soll das? Und wer glaubt wirklich dran? Neulich hab ich einen Tweet von Nassim Taleb gelesen, der es auf den Punkt bringt: „Ich nehme niemals einen Ratschlag von jemandem an, den ich nicht darum gebeten habe.“ Ich halte es vor allem mit Ratschlägen so, die aus meiner Sicht Weisheiten oder einfach nur grade en vogue sind. Dass ich mich konzentrieren und Gas geben soll, weiß ich seit der ersten Klasse. Diese Killer-Moves hatten sogar meine Lehrer schon vor Instagram drauf.

Und jetzt kommt das Totschlag-Argument von allen, die diesen Text kritisieren könnten: Schlechte Gewohnheiten sind gefährlich. Das stimmt. Wer sich ungesund ernährt, wird wahrscheinlich dick. Wer nur auf der Couch sitzt und TV schaut, verschwendet seine Zeit. Und wer generell eine faule Sau ist, wird wohl nicht reich. Aber das sind alles Weisheiten. Damit müssen wir uns nicht aufhalten, oder? Natürlich sollten wir alle möglichst gesund essen und fleißig arbeiten. Gehen wir das Ganze doch ohne Polemik und rational an.

Routine macht für mich die Basis aus: Möglichst viele Klimmzüge die Woche, möglichst wenig Zucker und möglichst viel Gemüse, viel Lesen und … ok, ich gestehe: Ich habe auch ein paar Routinen …

Wenn ich morgens in Büro komme, lese ich fast immer die Bild-Zeitung, SZ und das Handelsblatt.

Ich dusche jeden Morgen kalt.

Und ich mache praktisch jeden Tag Sport. Aber da fängt es schon an, ich mache ihn, wann er mir zeitlich passt und wenn ich Energie dafür habe. An einen strikten Zeitplan kann und will ich mich nicht halten. Warum ich niemals denselben Tag zweimal erleben will, kannst du hier nachlesen.

„Kreativität ist die Überwindung der Gewohnheit durch Originalität.“

Arthur Koestler

Beim Geld befürworte ich Routine! Zumindest auf den ersten Blick. Aus psychologischer Sicht treffe ich am besten so wenige Entscheidungen wie möglich. Meine Strategie steht fest: Ich spare jeden Monat eine fixe Summe und verteile sie auf mehrere ETF (beispielsweise MSCI World, China, Japan, Robotik, Immobilien, Bonds und Gold) und meine fünf Aktien-Favoriten. Zusätzlich fließt jeden Monat per Dauerauftrag Geld auf ein Spaßkonto, mit dem ich mein Leben finanziere. Und es fließt Geld auf ein Sparkonto, damit ich jederzeit flexibel bleibe für Investitionen. Aber ist das wirklich Routine? Ich nenne es Automatisierung – und die ist auch noch einmalig abgeschlossen mit einem Dauerauftrag. Eine Routine dagegen muss ich ja selber wiederholen und Disziplin dafür aufbringen. Bei meinen Sparplänen ist ja grade der Trick, dass ich keine Entscheidungen treffe und keine Disziplin benötige. Und gerade beim Rebalancing oder bei Nachkäufen nach einem Rücksetzer braucht es Kreativität und Flexibilität. Routine kann sogar gefährlich werden. Wer blind nach Mustern handelt und sein Hirn nicht benutzt, der läuft hinterher. Denn die meisten Muster gaukelt uns nur unser Gehirn vor. In der Regel steckt der Zufall dahinter.

Gerade in dieser Welt zählen aus meiner Sicht diese Qualitäten: Flexibel sein, kreativ sein und sich damit ständig der sich schnell ändernden Welt anpassen. Wenn es um die Zukunft geht, können wir bei einer Sache nicht mehr konkurrieren: Routine-Arbeit. Das kann heute schon jeder Roboter besser – und über morgen reden wir besser nicht. Weißt du, was uns von einer Biene unterscheidet? Das Gehirn einer Biene macht sie zur Maschine, sie läuft wie nach Autopilot. Beim Menschen gibt es auch solche Funktionen: Wir kauen ohne nachzudenken, fahren Fahrrad, atmen und steigen aus dem Bett, ohne uns den Kopf zu zerbrechen. Aber wir können mehr! Und wir müssen mehr! Wir leben in einer Kreativ-Gesellschaft, also konzentrieren wir uns lieber auf unsere Stärken. Kreativität zum Beispiel. Sie kommt durch Zufall und Abwechslung. „Der Wunsch Neues zu schaffen ist Teil unserer biologischen Ausstattung“, schreibt David Eagleman in seinem Buch „Kreativität“.

„Intelligenz ist das, was man einsetzt, wenn man nicht weiß, was man tun soll.“

Jean Piageat

Wir sind dafür geboren, Neues zu erleben. Ich bin sogar süchtig danach und überlege jeden Tag, wie ich mich verbessern, was ich anders machen kann oder was es noch zu entdecken gibt. Um damit erfolgreich zu sein, brauchen wir eine Basis aus Routinen und wir sollten sie schätzen. Denn grade die wichtigsten Dinge im Leben übersehen wir gerne und vermissen sie erst, wenn sie weg sind. Aber ich glaube nicht, dass wir Routinen forcieren und glorifizieren müssen. Das Geheimnis einer Ehe ist doch nicht Routine. Gemeinsam auf der Couch sitzen oder nebeneinander aufwachen, kann wunderschön sein. Aber doch nur, wenn ich untertags etwas erlebt habe. Wenn ich meiner Freundin von neuen Ideen und Erlebnissen erzählen kann. Und am besten wenn wir es gemeinsam erlebt haben. Dann macht die Sensation die Routine erst zu dem, was sie ist. Ohne Abwechslung keine Routine und ohne Routine keine Abwechslung. Wer nur auf Routine setzt, versinkt in einem schwarzen Loch aus Gewohnheit.

Und dann kann es teuer werden! Es kostet dich Kreativität! Es kostet Flexibilität! Es kostet dich möglicherweise Ideen, Erlebnisse, Erfahrungen und am Ende vielleicht auch noch Geld!

Für mich ist die Routine ein Fall von Schwarz oder Weiß. Es kommt darauf, was wir draus machen. Wenn ich in Form und im Einklang mit mir bin, dann liebe ich die Routine. Wenn ich zufrieden mit mir bin, weil ich mich weiterentwickle und neue Reize erlebe. Dann fühlt sich Routine an wie eine Badewanne voll mit heißem Wasser. Wie ein 3-Gänge-Menü, das daheim auf dem Küchentisch steht. Wie vertrauter Sex. Und der Rest des Lebens kommt mir vor wie ein leerer Strand: Die Sonne strahlt und ich habe unendlich viel Platz, um mich auszutoben.

Aber wehe es läuft nicht so, wie ich es mir vorstelle. Dann fühlt sich Routine auf einmal wie ein Kerker. Wie ein düsteres Gefängnis, in dem ich mit Zwangsjacke eingesperrt bin. Dann habe ich keinen Bock auf die Badewanne und auf das Menü schon gar nicht. Dann will ich nur noch ausbrechen und alles anders machen! Oder am liebsten in die Leere springen wie oben auf dem Bild zu diesem Blogpost. Das Bild ist übrigens in Bratislava entstanden und ich bin übrigens nicht wirklich über die Mauer gesprungen 😉

Routine kann uns viel ermöglichen, aber sie darf uns nicht einschränken. Sie kann und muss vielleicht sogar immer der erste Schritt sein für Erfolg und Glück. Aber wir müssen sie richtig einsetzen und sinnvoll ergänzen. Routine ist, was wir draus machen.

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