Sensation Seeking

Kennst du dieses Gefühl, wenn du dich vergisst? Es klingt pathetisch, aber es sind diese Momente, wenn du spürst, dass du lebst. Nimm dir einen Moment Zeit – und überleg, wann du das letzte Mal alles rund um dich herum vergessen hast.

Es kann positiv sein – Euphorie. Aber auch Angst. Oder Erleichterung.

Der Moment, wenn du alles intensiver spürst. Du erinnerst dich an jedes Detail: Was du hörst. Was du schmeckst. Was du fühlst. Wie dein Puls rast. Wie es dir in den Magen fährt. Oder wie du dich einfach so sehr freust, dass du heulen könntest. Es brennt sich ein in deine Erinnerung – und es kommt dir alles intensiv und wie in Zeitlupe vor. Für mich fühlt sich sowas wie ein Film an, den ich immer wieder abrufen kann. Und genau den will ich immer wieder erleben.

Wahrscheinlich bin ich ein sogenannter Sensation Seeker.

Eine Ex-Freundin hat mich vor ein paar Jahren auf diesen Begriff gebracht. Ich kannte ihn vorher nicht. Es geht in erster Linie darum, abwechslungsreiche, neue, komplexe und intensive Eindrücke zu gewinnen. Genau genommen unterscheidet man das nochmal in vier Kategorien:

Experience seeking

Das ist genau mein Ding ! Neues erleben und erfahren, sich persönlich weiterentwickeln und pushen – können Reisen sein, Selbsterfahrung oder emotionale Stimulation. Genau das will ich dir auch immer wieder auf diesem Blog hier zeigen.

Adventure seeking

Das bezieht sich eher auf körperliche Risiken. Also ich pushe mich gerne sportlich, experementiere mal gerne mit meinem Körper und bringe ihn an Grenzen … spielt in meinem Leben aber nicht die wichtigste Rolle …

Enthemmung

Eigentlich geschenkt, wer geht nicht mal gerne mit Freunden einen trinken? Aber sicher hier nicht der entscheidende Aspekt …

Anfälligkeit für Langeweile

Ok, ich gebe es zu. Ich langweile mich wirklich schnell. Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, was schlimm daran sein soll? Wenn mich Sachen nicht packen, dann bin ich raus … war in der Schule schon so … 3, 2, 1 und Mario war mit seinen Gedanken woanders. Um es platt zu sagen, suche ich immer neue Kicks. Das klingt bescheuert, ich weiß. Aber ich gebe dir drei Beispiele aus meinem Leben:

  • Halbmarathon im Juni 2013

Im November 2012 lag ich flach mit Pfeifferschem Drüsenfieber. Ich übertreibe nicht, es gab einen Moment, da hätte ich es fair gefunden zu sterben. Kraft hatte ich keine mehr – und selbst nach ein paar Wochen war spazieren gehen noch anstrengend. Ein halbes Jahr später wollte meine damalige Freundin unbedingt wieder den Halbmarathon in München laufen. Ich weiß nicht warum, aber ich habe mir eingebildet, dass ich es auch probieren muss.

Wichtige Info: Ich hatte ihn zuvor schon mal erfolgreich absolviert. Sonst wäre ich sicher nicht so wahnsinnig gewesen. So gut wie ohne Vorbereitung bin ich dann mitgelaufen – und war 15 Minuten schneller als im Jahr davor. Und es gab einen Moment kurz vor Schluss: Vielleicht war es dieses Runners High, von dem so viele schwärmen. Während dem Laufen überkam mich ein Rausch, Bilder schossen durch meinen Kopf und mir kamen die Tränen. Ich war glücklich und stolz. Seitdem bin ich echt ein passabler Läufer geworden, früher hab ich es gehasst. Wahrscheinlich weil ich seitdem weiß: Es liegt am Kopf, nicht an den Beinen.

  • Zwei Sportwetten – zwei Welten

Machen wir es kurz. Die erste Wette ging auf. Ich war mir 2008 sicher, dass Rafael Nadal Wimbledon gewinnen wird. Er hatte sich jedes Jahr gesteigert und musste im Finale wieder gegen Roger Federer ran. Die Quoten hatten vor dem Turnier gut gestanden. Nadal brachte uns einen Verfünffacher. Das Tennis-Match war eines der besten, das die Welt jemals gesehen hat. Und am Ende standen wir auf der richtigen Seite – es war emotional der Wahnsinn. Meinen Freudenschrei haben selbst die Nachbarn gehört.

Aber das Zocken hat mich auch fertig gemacht. Es war kurz danach: Halbfinale beim Rogers Cup. Nicolas Kiefer gegen Gilles Simon. Diesmal standen wir auf der falschen Seite. 2000 Euro waren weg! Klingt lächerlich, aber für einen 21-Jährigen war es viel Geld. Und schlimmer waren die Schmerzen. Mein Magen hat sich am Tag danach noch gekrampft, ich hatte mich selten so geschämt und das Schlimmste: Ich war mir selbst beleidigt.

  • Das erste YouTube-Video hochladen

In das Projekt Mission Money (hier geht’s lang) bin ich mit meinen 3 Kollegen ehrlich gesagt reingestolpert. Wir hatten viel Bock, aber wenig Ahnung. Sich vor eine Kamera zu setzen, obwohl man es eigentlich nicht kann – eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Ein schöner Kontrollverlust. Gerade dann auch noch „live zu gehen“ bei YouTube und einfach loszureden war nochmal ein Schritt weiter. Dann hilft auch kein Schnitt mehr. Aber genau das fand ich noch besser. Mittlerweile machen mir solche Dinge kaum mehr Angst. Im Gegenteil: Wenn man sich in der Öffentlichkeit präsentiert, hilft einem das viel mehr, zu sich selbst zu finden.

“The moment that you feel, just possibly, you are walking down the street naked, exposing too much of your heart and your mind, and what exists on the inside, showing too much of yourself … That is the moment, you might be starting to get it right.”

Neil Gaiman

Bei Sportlern sagt man, sie seien in der Zone. Es kann aber auch ein Abend mit Freunden in einer Bar sein, wenn du nach dem dritten Gin Tonic alles für perfekt hältst und dich in der Musik verlierst. Es kann auch der Flow bei der Arbeit sein. Beispielsweise während ich diesen Text hier grade schreibe, ballert „Time“ von Hans Zimmer auf meine Ohren und ich vergesse mich halbwegs. Denn es fällt mir gar nicht so leicht, diese persönlichen Geschichten zu erzählen. Aber es hat auch was Befreiendes.

Sensation Seeker. Und das soll einer sein, der auf YouTube Finanztipps gibt? Für mich sind es genau diese Erlebnisse, die Stabilität in meinem Leben bringen. Finanzielle Exzesse wie die beschriebenen Sportwetten oben haben mich erst gelehrt, wie man vernünftig mit Geld umgeht, wie man Risiken einschätzt und wie weh Verluste tun. Ich kann die Routinen in meinem Leben umso mehr schätzen, wenn ich mich bewusst den Risiken aussetze. Und Routinen sind unglaublich wichtig! Nur sollte nicht alles zur Routine werden. Obacht, Weisheit: Die Mischung macht’s. Und für mich ist die Abwechslung genau dieses Sensation Seeking.

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