Selfie: Vor zwei Jahren hatte ich auch noch voll mitgemischt auf Instagram

„Du musst das verstehen, du bist doch Influencer“, sagt Mia zu mir.

Muss ich das wirklich verstehen? Wir stehen mitten auf einem Straßenfest in München, ein perfekter Samstag im August. Wir trinken Weißwein, Bier und Skinny Bitch. Die Stimmung stimmt. Und zwei Freundinnen von mir haben nichts Besseres zu tun, als 15 Minuten lang zu posen für ein Instagram-Bild. Mia und Jana lächeln, sie schauen einander an, kichern, kritisieren gegenseitig ihre Posen und Gesichtsausdrücke.

Ich drücke zwanzig mal auf den Auslöser von Janas iPhone, aber kein Bild passt ihnen. Dabei soll es doch nur ein Schnappschuss sein für Instagram. Zusammen haben die beiden nicht mal 800 Follower. Also warum muss das Foto perfekt sein? Ich nehme das Handy nochmal in die Hand, visiere die beiden an und mache dann einfach Selfies. Sollen sich die beiden einen anderen Deppen suchen. Und den finden sie dann auch – sogar zwei. Einer spendet mit seinem Smartphone künstliches Licht per Taschenlampe von oben, der andere schießt gefühlt 500 Bilder.

Instagram verdrängt die reale Welt. Leben wir nur noch in einer digitalen Illusion? Macht uns das perfekte Instagram-Bild wirklich glücklicher? Können wir wirklich alle Influencer werden? Oder sogar digitale Nomaden, die um die Erde ziehen und überall Geld mit ihrem Mac oder iPhone verdienen?

Aber was ist eigentlich ein Influencer? Und bin ich selber einer? Geschützt ist der Begriff so wenig wie der eines Journalisten oder Coaches. Ich stehe für einen YouTube-Kanal mit mehr als 50.000 Abonnenten vor der Kamera. Wahrscheinlich bin ich Influencer.

Ich habe Instagram selbst ein Jahr lang intensiv betrieben. Habe versucht jeden Tag zu posten. Selfies gemacht (siehe Beitragsbild), lange Texte dazu geschrieben. Hatte 15.000 Follower. Gemeinhin gelten 10.000 Follower und 1.000 Likes pro Bild als Mindestgröße für einen Influencer. Also wahrscheinlich bin ich einer.

Am Anfang war das spannend. Ich wollte immer mehr davon. Die Follower wachsen, es hagelt Likes und Kommentare. Es gibt ja diese viel zitierten Studien, die belegen sollen, dass Likes stimulieren wie Sex. Aufmerksamkeit mag eben fast jeder. Aber vielleicht kennst du dieses Gefühl auch? Dass dir andere immer einen Schritt voraus sind und du dich unter Druck fühlst. Bei Insta hat der beste Kumpel schon wieder ein Foto geposted. Auf Facebook siehst du einen nach dem nächsten, der jetzt ein eigenes Business hat. Und Ex-Kommilitonen planen die nächste Weltreise.

Überall Entrepreneure.

Alle hustlen.

Vorbei ist es mit dem digitalen Glück!

„Nichts im Leben ist so wichtig, wie Sie denken, während Sie darüber nachdenken.“

Daniel Kahneman

Warum geraten wir durch unser Smartphone immer mehr unter Druck? Es könnte an der Fokussierungs-Illusion liegen. Je stärker wir uns auf einen bestimmten Aspekt unseres Lebens konzentrieren, umso wichtiger schätzen wir ihn ein. In Zeiten von Algorithmen baut das Druck auf. Facebook und Amazon wissen, was wir wollen. Und sie halten es uns immer wieder vor die Nase. Wenn du nach Paris willst, dann schwirren nur noch Urlaubsanzeigen für Paris über deinen Screen. Wenn du Business-Seiten auf Facebook geliked hast, zeigt dir der Algorithmus immer mehr zu diesen Themen an. Wenn du dann noch Fitness-Bloggern auf Instagram folgst, bist du bald umzingelt von perfekten Körpern und Möchtegern-Unternehmern.

Will ich bei diesem Spiel mitmischen und Influencer sein? Nein, danke! Ich bin Journalist, Autor, von mir aus auch Blogger oder YouTuber. Deswegen habe ich mittlerweile zwei Kriterien festgelegt, um auf Social Media aktiv zu werden. Entweder es macht mir Spaß: Dann poste ich auf Instagram, also relativ selten mittlerweile. Ich liebe Fotografie und teile gerne Reisefotos, die ich liebe. Aber das brauche ich nicht jeden Tag. Oder ich halte es für sinnvoll und es ist mir ein Bedürfnis. Das beste Beispiel ist der YouTube-Kanal: Wir bemühen uns um Content, wollen unser Wissen selber steigern, Erfahrungen teilen und durch Interviews Mehrwert bieten und Diskussionen anstoßen.

„What you call love was invented by guys like me to sell nylons.“Don Draper – Mad Men

Mich erinnert die Inszenierung bei Social Media oft an die Suche nach der großen Liebe. In Zeiten von Tinder und Co. geht zwar alles immer schneller, aber es soll trotzdem immer perfekter sein. Die Idee von der ultimativen Beziehung. Auf Instagram hagelt es #couplegoals und Paare müssen zeigen, wie glücklich sie sind. Die perfekte Liebe eben. Ich finde nicht, dass eine Liebe dadurch besser wird, indem ich die ganze Welt daran teilhaben lasse. Und ich finde in Zeiten von Insta-Husbands und #youandme einen Spruch von Don Draper passend (s. oben). Was manche für Liebe halten, wurde vielleicht nur von einem Marketing-Genie erfunden und exisiert in dieser Welt einfach nicht …

Nun können wir wie im Film Matrix die blaue Kapsel schlucken und in der digitalen Traumwelt weiterleben. Posten, liken und uns dem Schein hingeben. Oder die rote Pille schlucken und die Welt sehen, wie sie wirklich ist. Mich treibt seit kurzem ein Zitat um. „Der Mensch des Jahres 2040 lebt in einer digitalen Obdachlosigkeit“, schreibt Richard David Precht in seiner neuen Utopie für die digitale Gesellschaft „Jäger, Hirten, Kritiker“.

Hustlen wir auf den Abgrund zu?

Stürzt uns der Traum von der großen Freiheit am Ende ins Unglück?

Auf Instagram und YouTube präsentieren sich zehntausende von Teenies und Twenty-Somethings als Entrepreneure. Wollen mich in ihr Team holen und mich von ihrer genialen Idee überzeugen. Menschen, die teilweise so seriös wirken, dass ich ihnen auf der Straße nicht mal meinen echten Vornamen verraten würde. Auf mich wirkt es eher so, als würden immer mehr Lemminge in dieselbe Richtung rennen. Aber leider springen Lemminge auch von der Klippe. Willst du das auch tun?

Mittlerweile gibt es extreme Ratschläge wie das Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ von Jaron Lanier. Ich finde es übertrieben, jetzt dazu aufzurufen, Instagram oder Facebook zu löschen. Extreme sind selten die Lösung. Und ich will dir deine Träume auch nicht madig machen. Wenn du Instagram für deinen Lebenssinn hältst, dann mach es von mir aus. Aber wenn Instagram und Co. nur ein Hobby sind, vielleicht lernst du dann öfter Nein zu sagen.

„Es ist schwierig, etwas Hervorragendes zu finden. Wenn Sie also in 90 Prozent der Fälle Nein sagen, werden Sie kaum etwas in der Welt verpassen.“

Charlie Munger

Und wenn du wirklich Unternehmer werden willst, dann orientiere dich an Leuten, die als Vorbilder taugen. Hedgefondsmanager Ray Dalio betont, dass Meditation sein Leben verändert habe. Coaching-Legende Tony Robbins schwört auf gesunde Ernährung. Mark Zuckerberg spricht fließend Mandarin und verschlingt Bücher. Multi-Milliardär Warren Buffett soll mindestens vier Stunden am Tag lesen. Und sein Geschäftspartner Charlie Munger interessiert sich nur für Hervorragendes und benutzt deswegen das Wort Nein am liebsten.

Jana hat am Ende Ja gesagt und ein Bild bei Instagram hochgeladen. Zufrieden war sie aber auch mit diesem Bild nicht.

Du kannst nicht alles machen – dafür hast du die Zeit nicht. Also leg dein Smartphone mal öfters aus der Hand. Stell den Bildschirm auf Schwarz-Weiß bei deinem iPhone (So geht’s) – das macht das Daddeln für die Augen so unattraktiv, dass man es gerne weglegt. Lade dir eine App wie Moment runter – damit kannst du kontrollieren, wie oft du dein Smartphone am Tag benutzt. Die Zahlen werden dich wahrscheinlich schockieren.

Und dann das Wichtigste: Setz dich hin – und schreib dir auf, was du wirklich willst. Ein Café in Australien eröffnen? Schachweltmeister werden? Programmieren lernen? Egal! Mach dir wirklich klar, was du willst. Nicht, was andere von dir erwarten. Denn andere müssen dich nicht verstehen … und du musst ihnen nicht gefallen …

Buchtipps:

Jäger, Hirten, Kritiker – Richard David Precht

Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst – Jaron Lanier

Wem gehört die Zukunft – Jaron Lanier

Bold – Steven Kotler/Peter H. Diamandis

The Inevitable – Kevin Kelly

Postkapitalismus – Paul Mason

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*