Abstraktes Ego: Hat es dich auch schon mal zu Tode erschreckt?

„My name is ego and I will scare you to death“, lese ich und in diesem Moment rutscht mir die Kinnlade nach unten. Das verändert alles, denke ich. Ich stehe in einem dunklen Raum im Museum für Moderne Kunst in Stockholm und sehe diesen irren Film auf der Leinwand. Ein Film von Nathalie Djurberg und Hans Berg. Der Synthesizer dröhnt und spielt einen psychodelischen Sound. Auf der Leinwand sind zwei Figuren zu sehen: Mutter und Baby. Dargestellt sind sie als Knetfiguren. Die Mutter verendet während des Films und verwandelt sich am Ende in einen Skorpion. Das Kind macht ihr Vorwürfe und fürchtet sich in seinen Windeln zu Tode. Scared to Death.

Schau dir am besten das Video unten an und skippe bis zum Timecode 10:30 vor. Leider ist die genaue Szene nicht zu sehen, die ich ganz oben beschreibe, aber du kriegst einen guten Eindruck von der Stimmung. Aber was soll das Ganze? Ich interpretiere das Werk so: Wir sind eine Person – aber unser Ego steht immer hinter uns, neben uns, über uns. Mal ist es das einsame Kind, das um Hilfe schreit. Und dann die strenge Mutter, die uns bestraft.

Kennst du dieses Gefühl auch, wenn dir dein Ego den Weg versperrt? Du kannst einfach nicht anders, denkst du. Jemandem sagen, dass du ihn magst oder sogar liebst. Einen Fehler vor einem Kollegen zugeben, den du hasst. Menschen ignorieren, weil du ihren Stil peinlich findest. Ego. Es versperrt dir den Weg wie ein Türsteher. Du fühlst dich zu wichtig. Bist du ein Narzisst?

Oder du machst andere runter, aber eigentlich bist du neidisch. Dass sie immer vorlaut sind. Dass sie ständig unterwegs sind. Dass sie oft Sex haben. Dass sie ins Risiko gehen – und am Ende sogar noch gewinnen. Aber für dich wäre das ja eh nichts. Eigentlich. Dein Ego stellt dir ein Bein. Wei eine kleine Ratte, die sich am Boden versteckt. Hinterhältig. Du fühlst dich zu klein und schwach. Bist du dir selbst nichts wert?

„Das höchste Gut ist die Harmonie der Seele mit sich selbst.“

Seneca

Als mir die Fresse im Museum runtergefallen ist, war mein erster Reflex: Du musst dieses Ego sofort umbringen. Sonst bringt es dich um. Und da fallen mir diese Geschichten ein.

Als ich Geld beim Pokern und für Sportwetten verzockt habe. Weil ich allen zeigen wollte, wie groß meine Eier sind.

Als ich dieser einen Frau nicht sagen, wie gut ich sie wirklich finde. Und irgendwann war es dann zu spät.

Ego macht alles kaputt. Aber stimmt das? Ego klingt wie ein Schimpfwort in diesen Tagen. Es werden Bücher zu Bestsellern mit Titeln wie „Dein Ego ist dein Feind“ und Sprüche verbreiten sich auf Instagram wie „Starve the Ego – feed the soul“.

Aber was ist dieses Ego überhaupt? Wir können jetzt mit Freud anfangen – vom Ich, Über-Ich und Es. Er verglich das Ego mit dem Reiter auf einem Pferd, der zu steuern versucht, während das Tier unser Unterbewusstsein symbolisiert und in eine andere Richtung ausbricht. Wir können uns vorarbeiten bis C. G. Jung und bis zum Spiegelbildeffekt. Aber das braucht es aus meiner Sicht nicht, um das Ego in den Griff zu kriegen. Ich glaube, dass es keine pauschale Regel gibt. Probleme gibt es immer dann, wenn das Ego zu groß oder zu klein wird. Du solltest dem Ego eine passende Diät und ein Work-Out verpassen. Gib ihm da auf die Schnauze, wo es dir im Weg steht. Aber mach es genau da groß, wenn es dir hilft, wenn es dich stark macht. Dann kann das Ego wie ein mächtiger Schatten wirken, der hinter dir steht und es wird auf einmal zu einer Aura – zu Selbstvertrauen.

Ich habe mir 2 Konflikte überlegt, bei denen du dein Ego entweder in den Keller sperren oder zur Party einladen solltest …

Vertrauen vs. Narzissmus

Stell dir vor, du verlässt deinen Körper für einen Moment und beobachtest dich selbst. Was fühlst du dabei? Wen siehst du? Es wäre optimal, wenn du dabei ein gutes Gefühl hast. Wenn du Vertrauen spürst. Vertrauen in dich und darin, wie du wirkst. Mir fällt immer Hank Moody aus Californication als bestes Beispiel ein. Er verkörpert dieses Motto auf spielerische Art: „Carefree wherever we may be“. Egal, wo er hinkommt, er wirkt souverän.

Die Vogelperspektive einzunehmen, kann dabei helfen, sich selber besser einzuschätzen. Investment-Legende Warren Buffett rät dazu, immer das ganze Spielfeld im Blick zu haben. Und ich finde es lehrreich, sich selbst zu coachen. Das mag abstrakt klingen, aber versuch einfach mal von außen auf dich zu schauen.

Es gibt auch die Analogie vom inneren Kind. Als ich vor kurzem durch Stockholm am Wasser entlang gelaufen bin, dröhnte „Need for Speed“ von Rin in meinen Ohren und mir kam folgender Gedanke: Irgendwie bin ich immer noch der kleine Junge, der von einer Fußballerkarriere träumt. Davon endlich eine gute Vorhand beim Tennis zu spielen. Der die ganze Welt entdecken und fotografieren will. Wie alt bin ich eigentlich? Schon 31. Aber ich muss lächeln, wenn ich darüber nachdenke, was ich denke. Und ich sehe den kleinen Jungen vor mir. Der Junge der ich war. Und der, der ich immer noch bin. Und ich will ihm High Five geben und ihm einfach sagen: Mach weiter. Was würdest du sagen, wenn du selbst als Zehnjähriger vor dir stehen würdest?

Wichtig ist aus meiner Sicht: Du musst wissen, wer du bist. Warum du tust, was du tust. Und dann solltest du das am besten akzeptieren und nach außen tragen. Echt sein. Du solltest Sachen tun, weil du sie sinnvoll findest und nicht, um dich wichtig zu machen. Warum mache ich, was ich mache? Ich schreibe diesen Text, weil ich einen Drang dazu spüre und es mich auch zufrieden macht.

Aber mach ich mich wichtig damit? Ist mein Ego zu groß? Ich finde nicht. Wenn es um Leidenschaft, Kunst oder meine Meinung geht, halte ich mich nicht zurück. In diesem Fall ist mein Ego einfach Vertrauen. Und ich muss zugeben, dass ich das auch erst lernen musste. Ich bin von Natur aus zurückhaltend und auch auf Harmonie aus. Bei einem psychologischen Test im Rahmen einer Fortbildung kam heraus, dass mein Leitmotiv Freundschaft sein soll. Demnach spielt mein Umfeld eine wichtigere Rolle als beispielsweise Leistung. Aber es hilft nichts: Konflikte will ich lösen. Ob mit mir selbst, mit Kollegen oder Freunden. Und dafür muss ich den Mund aufmachen. Lass dein Ego los, wenn dir etwas nicht passt. Ich kann Leute mittlerweile nicht mehr ernst nehmen, die offensichtlich ihre Meinung zurückhalten. Und deswegen habe ich nur noch Menschen um mich, die mir eine ehrliche Antwort geben, wenn ich ihnen eine Frage stelle. Das kann ich nur empfehlen.

Aber jetzt droht der Konflikt: Wann nimmt man sich zu wichtig? Spielt sich auf? Wird vielleicht sogar zum Narzissten? Wir ertappen uns alle mal dabei, dass wir unser Leben für das schwerste auf dieser Welt halten. Aber das ist Bullshit. Es ist arrogant, zu denken, dass wir Probleme haben und alle anderen nicht. Das ist Ego, wie man es nicht brauchen kann. Was soll Selbstmitleid auch bringen? Es zieht einen höchstens runter und schmälert das Vertrauen. Und dann droht ein großes Risiko: die Selbst-Sabotage (s. Zitat unten). Du sollteste weder Erfolge noch Fehler zu sehr auf dich selbst beziehen.

Vertrauen ist gut. Aber Kontrolle ist auch besser, wenn es um dich selbst geht. Wir sollten uns nämlich nicht blind vertrauen. Es ist normal, dass wir nicht alles wissen oder können. Der gesunde Zweifel macht also das gesunde Selbstbild aus. Wir sollten nie denken, immer Recht zu haben. Ein kurzer Test: Wir sehen mit dem Auge, oder? Eigentlich logisch, aber tatsächlich stimmt es so nicht. Streng genommen sehen wir mit dem Gehirn.

Ryan Holiday bringt es in seinem Buch auf den Punkt: „Ego is the unhealthy belief in our own importance.“ Wir sollten uns und unsere Meinung nicht über alles stellen. Sonst zieht dich dein Ego runter. Wenn wir glauben alles zu wissen, lernen wir nichts. Wer sich für unfassbar schön und schlau hält, ist wahrscheinlich nur eines: Narzisst. Und dann kann das Ego sehr unangenehm für dich und deine Mitmenschen werden.

Es soll jetzt keine Psycho-Analyse werden. Ich erzähle dir lieber eine kurze Geschichte. Kennst du auch diese Menschen, die dir eine spektakuläre Story nach der nächsten erzählen? Auf den ersten Blick wirkt das spannend – aber auf den zweiten Blick kann es peinlich werden. Wenn dir dieser eine Freund ein Bild von einer heißen Frau zeigt, mit der er angeblich Sex hatte. Und dann siehst du dieses Foto eines Tages auf Instagram und denkst dir, dass dir das irgendwie bekannt vorkommt. Leider ist das Bild ein Werbefoto von einem Modelabel …

„Möchten Sie lieber der beste Liebhaber der Welt sein, während Sie als der miserabelste gelten? Oder möchten Sie lieber der miserabelste Liebhaber sein, aber vor aller Welt als der beste gelten?“

Warren Buffett

Und selbst wenn solche Lügen nicht auffliegen und dich die ganze Welt für den größten Hengst der Welt hält, aber du bist es leider nicht. Was bringt dir das wirklich?

Materialismus vs. Motivation

Du kennst auch dieses Gefühl: Es fehlt etwas. Du bist unzufrieden. Alle anderen scheinen einen Schritt voraus zu sein. Sie haben mehr Geld. Eine größere Wohnung. Ein neues Auto. Eine Rolex. Und dann machen sie auch noch eine Weltreise. Und was ist der Reflex: Wir müssen mithalten! Weil unser Ego es so will. Der Status muss hoch. Mehr Symbole müssen her. Sonst haben wir die Angst zu verfallen wie die Mutter im Video.

Aber das ist das Gefährliche am Ego. Du kannst es von außen füttern und aufpumpen. Weil in jeden von uns ein Loch gebrannt wurde, das gefüllt werden will. Es kann Liebe sein. Aufmerksamkeit. Selbstverwirklichung. Aber die einfachste Lösung: Wir stimulieren unser Ego durch Materialismus. Doch das Ego wird nicht so einfach mitspielen. Es wird gieriger. Du stopfst immer mehr in den Schlund, aber du kommst trotzdem nicht vorwärts. Wirst nicht glücklicher.

Der Name ist Ego. Und es kann dich in den Wahnsinn treiben.

Es ist ein Rennen, dass nie endet und das niemand gewinnen kann. Denn Vergleiche sind der Weg ins Unglück. Das zeigt die Wissenschaft. Selbst wenn du reich wirst, droht noch Stress. Sobald du erfährst, dass ein Konkurrent mehr verdient, sinkt deine Zufriedenheit. Dein Ego maßregelt dich. Das beste Beispiel sind Multimillionäre wie Cristiano Ronaldo. Er soll verstimmt gewesen sein, dass Real Madrid ihm weniger zahlen wollte als dem ewigen Rivalen Messi.

Und dieses Problem hört nicht mal beim Menschen auf. Es gibt ein bekanntes Experiment mit zwei Affen. Der eine kriegt eine Gurke – und ist zufrieden damit. Als er aber sieht, dass ein anderer Affe eine Weintraube bekommt und er daraufhin wieder nur eine Gurke, wird er wütend. Wenn du dich davon  überzeugen willst, dann schau dir einfach das Video an.

Theoretisch tragen wir alles in uns, was wir brauchen um glücklich zu sein. Wer mit sich selbst innen nicht klarkommt, dem hilft auch kein Materialismus von außen. Es gibt diese berühmte Studie der US-Universität Princeton: Demnach steigt die persönlich empfundene Lebensqualität lediglich bis zu einem Jahresnettoeinkommen von knapp 60.000 Euro. Danach macht dich kein Cent mehr glücklicher. Geld ist nicht alles. Aber Vorsicht! Geld bitte nicht verteufeln: Es gibt durchaus Sachen, die mich glücklich machen und die von außen kommen. Vernünftige Klamotten, mit denen ich meine Persönlichkeit ausdrücke. Hochwertige Lebensmittel. Reisen. Und Technik, die sowas wie diesen Blog hier erst möglich macht – beispielsweise eine Kamera, Objektive und so weiter. Aber es hält sich alles in Grenzen.

Also was ist dir wichtiger: Wie du dich selber einschätzt oder wie dich die Außenwelt einschätzt? Es gibt dafür die schönen Begriffe von der Inner Scorecard und der Outer Scorecard. Das Problem ist: Unsere Welt wird immer mehr getrimmt darauf, wie wir auf andere wirken. Weil sich alles messen und vergleichen lässt. Wer hat mehr Likes, mehr Follower, wer hat das bessere Rating oder welches Buch hat welche Rezenszion? Sterne und Herzen dominieren. Wer seine Kreuze nur noch auf der Outer Scorecard macht, der kommt immer mehr unter Druck.

Aber es eines wird nicht funktionieren: Alles hinnehmen, auf einen Knopf drücken und glücklich sein. Wir brauchen Challenges und wir sollten uns auch vergleichen. Aber am besten mit uns selbst. Wenn ich diesen Text heute schreibe, will ich ihn morgen besser schreiben. Wir sollten unsere Energie in Sachen stecken, die für uns Wert haben. Wir sollten Dinge erschaffen. Und dabei hilft mir auch, mir Vorbilder zu suchen. Beim Sport oder beim Schreiben. Mich haben solche Vergleich noch nie unglücklich gemacht, sondern angespornt. Wenn ich einen genialen Text lese, inspiriert mich das und mir schießen tausende Ideen in den Kopf. Wenn ich Nadal gegen Federer Tennis spielen sehe, fühle ich mich nicht schlecht, weil ich an meine erbärmliche Vorhand denke, sonder ich spüre den Drang, sofort selber auf den Platz zu rennen und zu trainieren.

Wer sich erfolgreiche Menschen anschaut, wird oft auf große Egos stoßen. Bei Sportlern sowieso, aber auch bei Architekten, Musikern, Schaupielern, CEOs oder Staatschefs. Tennis-Legende Roger Federer gilt heute als einer der beliebtesten Sportler weltweit. Als Jugendlicher hat er einen Schläger nach dem anderen zertrümmert. Er hat sein Ego offensichtlich in den Griff gekriegt, aber sicher hat er es nicht umgebracht. Ein noch besseres Beispiel ist Alfred Hitchcock. In den meisten Filmen tauchte der Regisseur zumindest kurz auf. Ego könnte der Grund gewesen sein für seine berühmten Cameo-Auftritte. Und auch dafür, dass er seine Schauspieler praktisch bis aufs Kloo verfolgte. Der Meister gab nur ungern die Kontrolle ab. Aber im entscheidenden Moment steckte sogar er sein Ego zurück. Beim Schnitt für Psycho hörte er auf den Rat seiner Frau und unterlegte die berühmte Dusch-Szene mit Musik. Heute ist diese Szene Filmgeschichte.

Überlege dir, was dir wichtig ist und was dich motiviert im Lebe.  Ist es der nächste Marathon? Willst du auf einer Bühne stehen? Oder willst du endlich deine eigenes Unternehmen gründen? Ist es

Das klingt sehr theoretisch. Du kannst natürlich überlegen, wann du zum letzten Mal richtig glücklich warst und dann versuchen dieses Gefühl zu jagen und endlich zu machen. Aber vielleicht helfen dir auch die sogenannten Motivatoren weiter. Der eine möchte ein angenehmes Umfeld haben (für mich immer wichtig), der andere möchte seine Überzeugungen ausleben oder wird nur im Wettbewerb glücklich.

Finde dein Warum. Finde deine Motivation. Dann wird macht dir dein Ego keine Angst mehr. Nein, es könnte sogar deine mächtigste Waffe werden …

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